Review: 2x02 „Instinct“

Nach vier sehr brillanten arc-Folgen war es mal wieder an der Zeit etwas zu neuen, externen Konzepten zurückzukehren, die die Show bisher in allen stand-alones bereichert haben. „Instinct“, das Drehbuch-Debüt der Craft & Fain-Nachfolgerinnen Michele Fazekas und Tara Butters (Reaper) geht dabei weniger zurück zu den ersten 5 Folgen von Season 1, sondern mehr zu dem tragischen und eher bedeutungsschwangeren Untertönen von „Haunted“. Was für mich heißt, dass es nicht ganz an die Großartigkeit von „Vows“ rankommt, aber dennoch eine ziemlich gute Folge ist.

Drehbuch und Regie wirkten stellenweise etwas wackelig (und nicht im wörtlichen Sinne), aber schauspielerisch fand ich Elizas Schaffen hier echt okay, die Gewitter-Szene hat mich von ihrer Mimik her echt mitgerissen. Alles in allem sind zweite Folgen einer Whedonverse-Staffel immer schon eine Swachstelle gewesen („The Target“ mal ausgenommen), insofern ist es okay so eine Folge drin zu haben, die weniger Kawau sondern mehr Hintergrundfarbe ist. Eventuell wird sich auch „Instinct“ wie „Haunted“ damals in ein paar Monaten als ziemlich erstaunliche Hintergrundfarbe herausstellen.

Familie

Wir bleiben dabei beim Thema der Familie, das „Vows“ eingeführt hat. Die wichtigste Anbindung für mich ist dabei „Man on the Street“: Dort hatten wir einen Witwer, der das Dollhouse brauchte, um einen spezifischen Moment im amerikanischen Familien-Narrativ herzustellen, den Moment, wo er seinen finanziell-beruflichen Erfolg mit seiner Frau teilt. Hier haben wir auch einen Witwer, der das Dollhouse braucht, um einen Moment zu überstehen, der bereits passiert ist, und um etwas zu bekommen, was er selbst nicht produzieren kann: Die Liebe zu einem Neugeborenen. Auch bleibt die Show dabei, dass Familie eine narrative Struktur ist, denn in „Man on the Street“ ist es die Story von Joel wo wir das erste Mal Sympathie für den Klienten empfinden, und in „Instinct“ ist es die Story von Nate, wo Echo einsieht, dass das Narrativ stärker ist, und dass sie das Kind verlieren wird. Sie kapituliert vor der Story, ähnlich wie wir vor Joel kapituliert haben.

Der große Unterschied ist jedoch folgender: Bei Joel hatten wir explizite Reminder bezüglich der bei aller Sympathie immer noch vorherrschenden Absurdität des Engagements: Pauls „predator“-Rede und der „Porn!“-Joke. In „Instinct“ erhalten wir nicht mal diesen Luxus, was „Instinct“ so herrlich expliziert, ist, dass Echo den Schmerz der Kapitulation auf sich nimmt, weil er besser ist, als nichts zu fühlen. Das erinnert mich an „Echoes“ wo auch die Actives durch die Droge kompletter wurden, weil sie sich ihrer Traumata erinnerten. Und „Needs“, wo die Bedürfnisse auch alle (bis auf Victor) an vergangene Schmerzen gebunden waren. Knowing hurts, aber Echo muss mit diesem Schmerz jetzt bewusst umgehen. Kein Wipe, kein Sedative kann sie in Season2 davon abhalten.

Insofern handelt sie ein wenig in Einklang mit Claire in „Vows“, die sich auch (aber völlig ohne Narrativ!) dem Schmerz der Außenwelt stellt. (Neben dem fehlenden Narrativ bei Claire ist der andere nette, detailverliebte Unterschied der, dass Claire autofahren kann, Echo aber nicht: „Go, please.“) Der große Kontrast in dieser Folge ist also/aber weniger der zwischen Claire und Echo, als der zwischen Madeline und Echo: Madeline hat den Schmerz nicht ausgehalten und legte sich schlafen, ins Dollhouse. Ihre Wunden heilten, aber sie ist nun reich, ziellos, gelangweilt, antrieblos. „Not sad“ war der sad payoff. Talk about irony.

Dabei bleibt die Show dabei, dass Familie ein narratives Konstrukt ist, nicht nur wegen dem Stuhl, der alles in die Wege leitet, sondern auch weil mit Sierra ein zusätzliches narratives Element in Echos Engagement eingeführt wurde, um die Geschichte glaubhaft zu machen. Der eigentliche Twist ist aber, dass Echo das Narrativ verlässt, wenn sie dekontextualisiert wird, wenn ihr Instinkt ohne narrative Stützen übrig bleibt und sie aus dem Dollhouse flieht. Wenn die Show also via Topher und Paul den Essentialismus ausspielt, den sie später dann narrativ kaputt machen wird.

Mutterschaft

Dabei hat mich beim ersten Mal schauen etwas gestört, wie dieser Mutterschafts-Essentialismus als etwas potentiell Bedrohliches dargestellt wurde (primal forces am Werk, in Echo und als Gewitter außerhalb des Hauses). Das eigentlich Problem ist aber nicht das Messer, denn Echo ist als wiped Active völlig hilflos im Entschlüsseln der sozialen Situation, die Technologie nahm ihr jede Möglichkeit, das Geschehen zu rahmen, solange es ihr nicht von Nate erklärt wurde. Bei mehrmaligem Schauen störte mich dann mehr der eigentlich unterstellte Essentialismus, dass Mutterschaft etwas ist, dessen Frauen sich nicht erwehren können (was zu der gesellschaftlichen Spannung-ohne-viel-middleground zwischen unnatürlicher Rabenmutter und overprotective crazy bitch führt).

Insofern lässt sich die Folge also auch als Kommentar auf eben besagte gesellschaftliche Spannung lesen: Vielleicht war der Sinn des Messers, unsere eigenen Reaktionen auf besagte Konzepte zu erfragen. Warum assoziieren wir solche Szenen mit Bedrohung, Gewitter und Psychopathen? Der winzige cop-out ist eben zu sagen: Die Technologie bringt die Sache erst hervor, ohne den Wipe ist Echo nicht in der Lage „normal“ mit der Mutterschaft umzugehen. Aber was ist denn „normal“ dann? Und warum kann die Technologie als Prämisse hier offenbar jede Aussage der Show relativieren, weil die Actives halt nicht wie „normale“ Menschen funktionieren, wenn sie gewipt sind?

Zugegeben, das ist mehr eine Frage der Rezeption als der Folge selbst, und je öfter ich die Folge sah, umso weniger störte mich die ganze zweite Hälfte, aber ich finde es valide zu fragen, ob die Show (wenn sie schon derartige Essentialismus explizit einführt) von allen Aussagen darüber prinzipiell enthoben ist, weil es Genre/Sci-Fi/Fantasy ist. Ich habe Dollhouse immer als Dokumentation verstanden, und insofern finde ich diese Fragen durchaus berechtigt, und „Instinct“ in der Hinsicht etwas unschlüssig. Aber das war womöglich auch der Punkt.

Paul

Meine (und unsere) cluelessness diesbezüglich kann aber auch mit Paul zu tun haben. In seiner Rolle als Handler und in seinem Pakt mit Echo ist er seit Madelines Auftauchen nicht mehr in der Lage, Echos Weg als validen coping mechanism anzusehen: Er liebäugelt mit der Technologie schön langsam. Am Anfang, als er sich in den Stuhl setzt und sich von Topher tolle Van Halen-Metaphern an den Kopf wirft, in der Mitte als er Tophers Programmierung besser kapiert als Topher selbst, und am Ende, wo er nach der Madeline-Erfahrung tatsächlich glaubt, dass Echo schlafen gehen könnte, um das alles zu vergessen. Je mehr er das Dollhouse versteht, umso weniger versteht er Echo. Dies kann natürlich eine subtile Ohrfeige an uns Zuseher sein, und eine Mahnung, dass wir Echo nicht vergessen sollen. Es kann aber auch einer von vielen Brüchen zwischen den beiden sein, mit denen Paul erst umgehen lernen muss. Wenigstens hat er sie diesmal nicht geschlagen.

Ovid und Spivak

Eine Lesart der Folge ist jedoch auch Echos Mythologie von Ovids Perspektive zu deuten (eine Leserichtung, die ich erst vor kurzem entdeckt habe, und bezüglich der ich jetzt schon bereue, dass sie mir in Staffel 1 nicht zur Verfügung stand). Freud loziert Narzissmus nämlich verrückterweise primär in Frauen (obwohl Narziss ein Junge war), und zwar besonders in Frauen, die vom sekundären Narzissmus der Mutterschaft nicht erfüllt waren. „Instinct“ vollbringt nun jenes Projekt, das Gayatri Spivak mit ihrer Dekonstruktion des Narziss-Mythos angedacht hat: Lass Echo, das seit Freud und jeher vernachlässigte und vor allem kontextuell immer ausgeklammerte Element in Ovids Erzählung, als Frau in Erscheinung treten. Spivak plädiert dabei, dass Echos Geschichte der Bestrafung in westlicher Rezeption und Monumentalisierung des Narziss-Mythos als Frame ignoriert wird, etwas, was Dollhouse wegen seiner expliziten Kontrollmechanismen schon a priori nicht leisten kann. Unsere Echo ist definiert durch die Kontrollmechanismen des Dollhouse, so wie Ovids Echo durch die Bestrafung der eifersüchtigen Juno definiert wird als diejenige, die unvollständig widergeben kann, was auch immer sie hört. Während also seit Jahrzehnten Mutterschaft als sekundärer Narzissmus der Mutter definiert wird, ist in „Instinct“ Mutterschaft tatsächlich Echo. Dabei liegt Narziss in Dollhouse natürlich all over the place, auch in Echo. Sein Fluch, so lange zu leben, solange er sich selbst nicht kennt, ist das tragische Damokles-Schwert über Echos Haupt, und sein selbstverliebtes Sterben vor dem eigenen Spiegelbild wurde schon in „Gray Hour“ angedacht. Narziss ist Ovids Instanz dafür, dass das Selbst überhaupt ein Objekt ist, das gekannt werden könnte. (Es ist diese romantisierende Lesart, die Narziss auch in Joss und Topher platziert.)

Viel spannender ist jedoch, dass Spivak Echo als eine Wahrheit ohne Intention, als eine Ursache ohne explizite Verbindung zur Wirkung liest. Narziss wird für seine Herzlosigkeit ihr gegenüber bestraft indem er die dramatische Spannung zwischen Tod und Selbst-Erkenntnis zu spüren bekommt, aber er wird nicht in Echos Namen bestraft. Und wenn Narziss sie fragt, warum sie von ihm flieht, kann Ovid aus grammatischen Gründen nicht Echo zitieren, weil ihre Antwort ambig zwischen Frage („Fliehst du von mir?“) und Befehl („Flieh von mir!“) platziert wäre. Ovid schummelt indem er darüberwegerzählt, aber in genau diesem Schummeln findet Spivak die différance, die Echos Strafe zur Belohnung werden lässt, ihre unintentionale Wahrheit. Diese Loslösung zwischen Echo und ihrer Wirkung, genau die ist Adelles „What if they didn’t?“ aus „Ghost“.

Um zurück zu „Instinct“ und Mutterschaft zu kommen: Echo ist also nicht nur (endlich) wieder das bad girl, das kontextuell als weibliches Echo bestraft wird, sie ist auch eine Mutter, die ihren sekundären Narzissmus aufgibt als sie Jack zurückhändigt. Ihre Strafe ist ihre Belohnung. Die zentrale Tragik des gesamten Charakters tritt also in dieser Szene zu Tage, wenn sie sich ihren eigenen Schmerzen stellt, um anderen Leid zu ersparen.

Spekulationen und Randbemerkungen
  • Kein Boyd, kein Victor? 
  • „Not a scratch on you“ ein paar Momente bevor Madeline einen Scratch bekommt war herrlich. Selbst bei Routine-Diagnosen im Dollhouse bleibst du nicht unbeschadet.
  • Ich glaube nicht, dass Alpha Perrin die Dokumente geschickt hat. Mein Tipp geht in Richtung Boyd.
  • Der Switch von Erinnerung zu Gefühl, den die Show hier vollzieht klingt spannend, ich halte mich vorerst aber noch ein bisschen diesbezüglich zurück, weil ich warten möchte, um zu sehen, wohin es führt.
  • Same goes fort he Ovid-Konnex, der sicher von nun an meine Rezensionen häufiger durchdringen wird.

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